Ein klares Nein vom Fachmann in Sachen Polder

Professor Andreas Malcherek bezog klar Stellung gegen die drei zentralen Behauptungen des neuen Gutachtens. Foto: PresseSollfrank
Professor Andreas Malcherek bezog klar Stellung gegen die drei zentralen Behauptungen des neuen Gutachtens. Foto: PresseSollfrank

06.04.2019 Für Professor Dr.-Ing. Andreas Malcherek liegt der Weg zum gerechten Hochwasserschutz in der Schaffung natürlicher Retentionsräume statt technischer Polderwerke. Daran ändere auch die neue Gutachtenlage nichts, wie der Experte bei der vierten Bürgerinformationsveranstaltung des Landkreises zum Thema Flutpolder deutlich machte.

„Engagierte und kompetente Bürger werden nicht laut, aber sie agieren geschlossen und argumentieren sachorientiert.“ Das stellte Landrätin Tanja Schweiger bei der Informationsveranstaltung  am Dienstag, 9.4.2019, in Pfatter fest. Und an Geschlossenheit fehlt es den Donauoberliegern im südöstlichen Landkreis Regensburg ganz bestimmt nicht. Mit geschätzten 200 Personen war der Saal voll besetzt, als Professor Dr.-Ing. Andreas Malcherek zu einem neuen Gutachten des bayerischen Kabinetts zur Auswirkung der geplanten Polder auf das Grundwasser Stellung nahm. Neben Vertretern der Interessengemeinschaft Flutpolder und der Interessenvertretung Grundwassergeschädigte waren die Bürgermeister von Pfatter und Barbing, Jürgen Koch und Johann Thiel, an diesem Abend genauso dabei wie die Landtagsabgeordneten Sylvia Stiersdorfer und Tobias Gotthardt.

Das im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern im letzten Jahr festgeschriebene Aus für die umstrittenen Flutpolder in Bertoldsheim, Eltheim und Wörthhof bezeichnete Landrätin Tanja Schweiger als einen ersten Teilerfolg auf dem gemeinsamen Weg für einen verantwortungsbewussten Hochwasserschutz. „Umso härter war der Rückschlag für uns alle, als das bayerische Kabinett im Januar ein Gutachten zur Auswirkung der geplanten Polder auf das Grundwasser vorlegte und in diesem Zusammenhang vertiefende Untersuchungen ankündigte“, so die Landrätin in Pfatter.

„Extreme Schutzwirkung der drei Polder ist nicht vorhanden“

Professor Malcherek stellte schnell klar, dass aus seiner Sicht das neue Gutachten „kein Freibrief für Polder ohne negative Auswirkungen“ sei. Im Laufe des Abends bewertete er drei Behauptungen daraus: Sind die Polder extrem wirksam für den Schutz der Unterlieger? Bringen sie keine Nachteile für die Oberlieger? Gibt es keine Alternativen zu den Poldern? „Null Zentimeter in Passau, drei Zentimeter in Vilshofen und maximal sechs bis zehn Zentimeter in Deggendorf“ – Malcherek fand in den Angaben der Gutachter bereits die Antwort auf die angeblich extreme Schutzwirkung der drei Polder: Es gibt sie schlichtweg nicht. Der Experte wies auch mehrfach darauf hin, dass die Flutkatastrophe von 2013 in Fischerdorf einem gebrochenen Damm geschuldet war und mit den Scheitelhöhen nichts zu tun gehabt habe.

Besonderer Knackpunkt ist für Malcherek die Frage nach den Nachteilen der Polder. Seit dem Donauausbau hätten die Donauanlieger im Bereich der geplanten Polder Eltheim und Wörthof bereits mit erheblichen Grundwasserdifferenzen zu kämpfen. Das Gutachten sei in diesem Punkt aber so unvollständig, dass es nicht bewertet werden könne. Malcherek kritisierte vor allem die fehlende Beschreibung des Polderentwässerungssystems. Das zweidimensionale Grundwassermodell des Gutachtens könne vertikale Sickerströmungen nicht berechnen und damit negative Auswirkungen auf die Grundwassersituation nicht sicher bestimmen. Malcherek selbst rechnet mit einer Verschlechterung der Grundwassersituation durch die Polder am Oberlauf – ein klarer Nachteil also.

Optimierte Staustufensteuerung als wirksame Alternative

Die Alternativen zu den Flutpoldern sieht Malcherek unter anderem in einer optimierten Staustufensteuerung. Das Gegenargument der Verblockung gelte genauso für die Polder. „Zudem können auch geringere Retentionsvolumina wirksam sein, wenn man die Staustufen so steuert, dass die Hochwasserwelle der Donau nicht mit ihrem Scheitel auf die Scheitel der Wellen aus den Nebenflüssen trifft.“ Für Malchereks Sicht spricht die Tatsache, dass auch das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) das Staustufenmanagement noch einmal vertieft untersuchen will. Deichrückverlegungen sieht der Wissenschaftler als gutes dezentrales Mittel direkt in den Hochwassergebieten am Unterlauf.

Hochwasserschutz, Grundwasserschutz und Artenschutz kombinieren

Malcherek ging es an diesem Abend aber nicht nur um die Bewertung des Gutachtens, sondern um zwei wesentliche Forderungen: Hochwasserschutzgerechtigkeit neu zu definieren und den Hochwasserschutz mit Grundwasserschutz und Artenschutz zu kombinieren. Sowohl die europäische wie die nationale Gesetzgebung verpflichte die Oberlieger nicht, den Hochwasserschutz der Unterlieger durch eigene erhebliche Nachteile zu verbessern. „Es macht keinen Sinn, wenn die Bürgermeister einzelner Regionen hier eine Feindschaft aufmachen.“ Für Malcherek liegt der Weg zum gerechten Hochwasserschutz in der Schaffung natürlicher Retentionsräume statt technischer Polderwerke. Bayern müsse im Zuge des Klimawandels mit noch mehr trockenen Sommern und höheren Hochwässern im Winter rechnen. Ein besserer Schutz der Ressource Grundwasser sei in diesem Szenario unabdingbar. Polderwerke dagegen stellten einen erheblichen dauerhaften Flächenfraß dar, der zusätzlich dem Artenschutz entgegenstehe. „Und das“, so der Professor, „für nur vier Tage in 100 Jahren, in denen die Polder wirklich in ihrer eigentlichen Funktion geflutet werden.“ 

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